Nacht­clubs in Kultur­immobilien?


actori Impuls

Mitten in einem dunklen Raum, andächtig und gespannt hören Sie eine einsame Violine. Die Kadenz von Ludwig van Beethovens Violinen-Konzert erklingt. Sie sehen sich um und sehen einen großen Konzertsaal voller Menschen - überwiegend in eleganter Abendgarderobe. Vereinzelt freie Plätze zwischen den Reihen, je weiter Ihr Blick schweift, desto mehr Lücken entdecken Sie. „Das war doch in den letzten Jahren nie so leer? Schade, dabei ist die Musik doch so sinnstiftend; davon bräuchten wir gerade heute mehr.“

Sie haben Recht, wir alle kennen den Besuchendenrückgang in Theatern. Statistiken bestätigen das Bild deutlich. Durchschnittlich sanken die Besuchendenzahlen in den letzten zehn Jahren jährlich um rund 0,5%.1) Auf den ersten Blick mag das nicht viel erscheinen, doch ein sich verstetigender Trend, zuletzt katalysiert durch Corona, bringt schnell viele Kultureinrichtungen in Erklärungsnot, sobald es um die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz geht. Dabei ist das generelle Interesse an klassischer Musik keineswegs gering. Knapp ein Drittel aller Menschen sind offen für klassische Konzerte. Auch das Durchschnittsalter der Hörer klassischer Musik liegt weiterhin konstant bei 45,6 Jahren2). Das dem gegenüberstehenden Durchschnittsalter von 58 Jahren in Konzerten, bzw. 53 in Theatern3), weist darauf hin, dass hauptsächlich das Besuchen einer derartigen Veranstaltung und nicht das Interesse der klassischen Musik an sich potenziert werden muss. Ein Ansatz, dem viele Kultureinrichtungen bereits heute mit unterschiedlichen Angeboten wie z. B. Kinder- und Jugendprogrammen folgen.

Andere Trends zeigen insbesondere in Städten die Notwendigkeit von der Weiterentwicklung kultureller Einrichtungen zu sogenannten „Dritten Orten“ als Begegnungsfläche und Aufenthaltsort. Ein Konzept, das dem Bedarf nach Austausch, Aufenthalt und Kommunikation einerseits, aber auch der zufälligen Begegnung von Kultur und Menschen Rechnung tragen soll. Häufig führt dies dazu, dass Infrastrukturen um gemütliche Aufenthaltsflächen, Co-Working Spaces, Bibliotheken, Gastronomieflächen ohne Konsumzwang bis hin zu Kursen, Workshops, Gesprächsrunden oder Sport erweitert werden. Eine Verknüpfung beider Gegebenheiten, fehlende Besuchende in Kultureinrichtungen sowie der Bedarf an öffentlich nutzbarer Fläche, kann einen fruchtbaren Nährboden für neue Ideen bieten. Die Öffnung und Belebung von Kultureinrichtungen für ein diverses und breites Nachtleben mit neuen Besuchendengruppen. Studien zeigen, dass über die Hälfte der Menschen zwischen 18 und 24 Jahren mindestens einmal pro Monat Clubs, Bars oder Kneipen besuchen und dabei rund zwei Drittel erst zwischen 23:00 Uhr und 01:00 Uhr ausgehen.4) Ein Bedarf, welcher aktuell kaum von Kultureinrichtungen gedeckt wird. Durch eine Öffnung in der Nacht können also insbesondere junge Erwachsene angezogen werden. Eine Zielgruppe, die aufgrund von sich unterscheidenden Interessen, bisher nur selten angesprochen wurde. Neben den Kindern und Jugendlichen sind sie das Publikum von morgen.

Die Möglichkeiten dabei sind vielfältig und je nach Institution individuell abzuwägen. Die potenziellen Nutzungen reichen von verschiedenen frei nutzbaren Spaces, über aktiv angebotene Kurse und Events, hin zu vollwertigen Nachtclubs. Exklusiv mietbare Räumlichkeiten, buchbare Dienstleistungen und regelmäßige Spezialevents können das Angebot ergänzen. Die nötigen Voraussetzungen zur Einführung können dabei je nach Strategie minimal gehalten werden. Das neue Angebot und insbesondere die neue Zielgruppe kann hingegen einen immer größeren und wichtigeren Teil der institutionseigenen DNA darstellen. Erste Anknüpfungspunkte in einem akzeptierten Feld ermöglichen dabei nicht nur einfachere Ansprachen der neuen Besuchendengruppen, sie bieten zudem das Potenzial, ein modernes und offenes Verständnis für Kultureinrichtungen in den Köpfen junger Generationen zu verankern. Gerade durch die hohe Vielfalt und Individualisierbarkeit lassen sich für alle Einrichtungen passende und gewinnbringende Strategien entwickeln und umsetzen.

Internationale Beispiele dafür sind das Tate in London mit den Tate Late und Overnight Events sowie das Spiritland in der Royal Festival Hall. Im Tate werden regelmäßig Events in den Abend- bis Nachtstunden veranstaltet. Das jeweilige Programm reicht dabei über Workshops, Talks, Yoga bis zu Essen, Film und Nachtclub. Es werden fast alle Räume des Tate Modern einbezogen und bespielt. Das Spiritland hingegen ist eine dauerhafte Institution in der Royal Festival Hall. Die Audiophile Bar hat lange Öffnungszeiten bis ca. zwei Uhr in der Nacht und steht im Anschluss an Veranstaltungen, aber auch losgelöst davon, den Besuchenden zur Verfügung. Zusätzlich können die Räumlichkeiten für private Events und Feiern gemietet werden. Nicht nur im internationalen, sondern auch im nationalen Raum gibt es erste Kultureinrichtungen, die das Potenzial der Nachtnutzung auszuschöpfen versuchen. Der Münchener Gasteig HP8, steht auch bis spät abends als Kulturzentrum Besuchenden offen. In zusätzlichen Events werden die Öffnungszeiten bis ca. drei Uhr nachts ausgeweitet. Viele kostenlose Angebote und Nutzungsmöglichkeiten schaffen einen kreativen und offenen Ort für ein breites Publikum. Die Anbindung an Hochschule, Konzerthaus und Bibliothek ermöglicht dabei ein vielfältiges Programm ohne großen Mehraufwand.5)

Generell stellen die gegebenen Ressourcen, wie z. B. Räumlichkeiten, Belegzeiten, aber auch Finanzen und Personal einen wichtigen Einflussfaktor bei der Umsetzung dar. Zusätzlich müssen für eine passende Strategie aber auch die externen Rahmenbedingungen, wie z. B. Marktumfeld, Wettbewerb oder Zielgruppen berücksichtigt werden. Das bedingt zum einen die Notwendigkeit zur individuellen Ausarbeitung eines speziell auf das Haus angepassten Modells und fordert darin gleichzeitig den aktiven Umgang mit externen Stakeholderinnen und Stakeholdern. Je nach Ausgestaltung können dazu passende Partner und Partnerinnen angeworben werden, um die durch Synergieeffekte vermehrten Potenziale im Markt umfassend zu heben. Hierbei sind neben klassischen Sponsoringpartnerschaften auch Kooperationen mit Dienstleistenden oder Betreibenden, sowie zusätzliche Vereinbarungen mit den Trägern denkbar. Auf diese Weise profitiert nicht nur die Kultureinrichtung selbst, sondern es wird zudem die gesamte Stadt attraktiver und auch die örtliche Nachtszene gestärkt. Neue vernetzende Angebote für die Gesellschaft können verankert werden, wodurch für Sie und Ihre Partnerinnen und Partner die Möglichkeit entsteht, neue Zielgruppen zu erreichen und langfristig an Ihre Institution zu binden.

actori unterstützt Sie als langjährige Partnerin von Kultureinrichtungen und deren Trägern gerne dabei, eine auf Ihre Situation abgestimmte Strategie zu entwickeln. Machen Sie sich fit für die Anforderungen der Zeit und gestalten Sie dabei das Zusammenleben unserer Gesellschaft aktiv mit.

Ein Impulsbeitrag von Julius Geiger, Beratung actori GmbH.

Julius Geiger, Beratung actori GmbH (@ Nikolaus Schäffler)

Quellen: 

  1. Theaterstatistik 2008/09 bis 2018/19
  2. MIDiA Research Consumer Survey 2018
  3. Karl-Heinz Reuband: Strukturwandel des Kulturpublikums, in Jahrbuch für Kulturpolitik 2021/2022
  4. Stadtnachacht - Management der Urbanen Nachtökonomie
  5. Interviewaussagen und Websites der Häuser