Mixed-Use-Quartiere gelten heute als Leitbild moderner Stadtentwicklung: Wohnen, Arbeiten und Einkaufen werden räumlich verdichtet, kurze Wege und Urbanität sollen entstehen. In vielen Projekten bleibt die Nutzungsmischung jedoch auf diese drei Bausteine beschränkt. Damit wird ein erhebliches Potenzial verschenkt, denn Kultur-, Bildungs- oder soziokulturelle Angebote sind zentral für Identität, soziale Stabilität und die langfristige Attraktivität eines Standorts und damit auch für die wirtschaftliche Perspektive von Quartieren.
„First life, then spaces, then buildings – the other way around never works.“
Man muss Jan Gehl, dänischem Architekten und Stadtplaner, zustimmen. Für die Entwicklung lebenswerter Städte muss das Leben im Zentrum stehen. Ein gelungenes Quartier benötigt deshalb nicht allein Wohnungsbestände, Büroflächen und Versorgungsangebote. Menschen brauchen Orte, an denen sie sich aufhalten können, ohne konsumieren zu müssen, an denen sie lernen, ausprobieren und sich mit anderen austauschen können. Kultur- und Bildungsangebote sowie soziokulturelle Einrichtungen können dabei im Alltag der Einwohnerinnen und Einwohner eine wichtige Rolle übernehmen. Konkret lässt sich das so vorstellen: Eine Stadtteilbibliothek mit Aufenthaltsbereichen, Lernplätzen und Veranstaltungsraum, die tagsüber von Schülerinnen und Schülern, Studierenden und Berufstätigen genutzt wird und abends Lesungen oder Workshops anbietet. Ein Quartiershaus, das als Nachbarschaftszentrum, Jugendtreff und Ort für lokale Initiativen dient, mit einem kleinen Saal, offenen Werkstätten und Beratungsangeboten. Eine Musik- oder Kunstschule, deren Räume nicht nur für Unterricht, sondern auch für öffentliche Konzerte, Ausstellungen und Kooperationen mit Schulen und Hochschulen genutzt werden. Solche Orte prägen den Alltag im Quartier und machen es als „Adresse“ erlebbar. Ein gelungenes Beispiel ist das neue Werksviertel-Mitte in München, das 2023 den deutschen Städtebaupreis erhalten hat. Neben einem großen Stadtpark werden dort 1.150 Wohnungen, ca. 6.700 Arbeitsplätze in den Bereichen Gastronomie, Hotel, Dienstleistung und Einzelhandel, aber auch Ateliers, Ausstellungsflächen, ein Konzertsaal, Freizeit- und Sportangebote sowie ein Nahversorgungszentrum entstehen. Der reiche Veranstaltungskalender einer eigenen Website zeigt die klare und innovative Adressbildung dieses einst historischen Industrie- und Nachtviertels.
Für die Stadt- und Quartiersentwicklung sind diese Bausteine harte Faktoren. Kultur- und Bildungsangebote erhöhen die Attraktivität eines Quartiers für Familien, Fachkräfte und Studierende. Sie dienen als Argument, wenn es um die Ansiedlung von Unternehmen oder die Vermarktung von Wohnprojekten geht, weil sie zeigen: Hier findet mehr statt als bloße Versorgung, hier gibt es Qualität und Leben. Auch immobilienwirtschaftlich wirken sie als Werttreiber, indem sie dazu beitragen, das Bild eines Quartiers als lebendig und attraktiv zu etablieren. Ein Wohnstandort mit einer gut sichtbaren Bibliothek, einem Quartiershaus und Angeboten für Kinder und Jugendliche wird anders wahrgenommen als ein Standort, der sich auf Wohnungen, Büros und einen Supermarkt beschränkt.
Hinzu kommt die gesellschaftliche Dimension. Dichte, heterogene Quartiere bringen unterschiedliche Milieus mit sich, die häufig nebeneinander existieren, ohne miteinander in Kontakt zu kommen. Soziokulturelle Einrichtungen und bildungsorientierte Angebote schaffen hier Räume für Begegnung und Teilhabe, sie bieten niedrigschwellige Zugänge für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Wenn im Quartier ein Ort existiert, an dem Workshops, Sprachkurse, Freizeitangebote, Kulturveranstaltungen und Beratung zusammenkommen, wird dieser Ort zu einem „gemeinsamen Wohnzimmer“ des Quartiers. Konflikte können frühzeitig aufgegriffen, Beteiligung kann organisiert und das Miteinander aktiv gestaltet werden. Für Stadtentwickelnde bedeutet das: Kultur-, Bildungs- und soziokulturelle Bausteine sind Teil der sozialen Infrastruktur eines Quartiers – und fungieren als Risikopuffer gegen Fragmentierung und Polarisierung.
Damit diese Potenziale gehoben werden können, reicht es nicht aus, „irgendwo“ Flächen für Kultur oder Bildung vorzusehen. Erfolgreiche Quartiere zeichnen sich dadurch aus, dass entsprechende Nutzungen frühzeitig in die Projektlogik integriert werden. Konkret heißt das: Bereits zu Beginn der Entwicklung werden städtebauliche Ziele mit einem inhaltlichen Leitbild verbunden. Welche Zielgruppen sollen im Quartier leben und arbeiten? Welche Bildungs- und Kulturangebote fehlen im Umfeld? Auf Basis einer strukturierten Bedarfsanalyse sollte ein Nutzungskonzept entstehen, das die Art und Größe von Flächen für Kultur-, Bildungs- und soziokulturellen Angeboten definiert. Der zweite Erfolgsbaustein liegt in der Governance: Kultur-, Bildungs- und soziokulturelle Angebote benötigen klare Verantwortlichkeiten und tragfähige Betriebsmodelle. Stadtentwickelnde und Stadtentwicklungsgesellschaften sollten früh klären, ob z.B. kommunale Einrichtungen, freie Träger oder andere Organisationen die passenden Betreiber sind. In einem Betriebskonzept werden Öffnungszeiten, Angebotsstruktur, Kooperationsformen und Schnittstellen zur Stadtgesellschaft definiert, aber auch die interne Organisation und der Personalbedarf. Neben der Ermittlung der Investitionsbedarfe sind auch Business-Planungen erforderlich, um laufende Kosten und Erlöspotenziale transparent zu machen und so die langfristige Tragfähigkeit zu sichern. So entsteht aus der Idee eines Quartiershauses, einer Bibliothek oder eines kulturellen Ortes eine konkrete, wirtschaftlich darstellbare und organisatorisch verankerte Nutzung im Quartier.
actori unterstützt Städte und Projektentwickler dabei, Kultur-, Bildungs- und soziokulturelle Bausteine von Beginn an mitzudenken und strategisch zu verankern: von der Grundlagenermittlung und Bedarfsanalyse über Nutzungskonzepte und Raum- und Funktionsprogramme bis hin zu Betriebskonzepten, Organisationsmodellen, Kosten-Nutzen-Analysen und Business-Planungen.
–
Ein Beitrag von Amélie Strobel, Projektleitung