Anlässlich des 20-jährigen actori Jubiläums spricht der Gründer und geschäftsführende Gesellschafter Prof. Maurice Lausberg mit dem Intendant der Bayerischen Staatsoper, Serge Dorny, über die Relevanz von Musiktheater und die langjährige Zusammenarbeit mit der ersten actori Kundin.
Herr Dorny, Sie haben 2021 die Leitung der Bayerischen Staatsoper übernommen – zu einem Zeitpunkt tiefgreifender Umbrüche. Was waren die entscheidenden Prioritäten in Ihren ersten Jahren?
Der erste Schritt bestand darin, nach der pandemiebedingten Stille wieder Vertrauen und Stabilität herzustellen – sowohl innerhalb des Hauses als auch gegenüber dem Publikum. Zugleich war es unabdingbar, den Blick nach vorne zu richten: Welche Rolle kann und soll die Bayerische Staatsoper im 21. Jahrhundert einnehmen? Wie können wir künstlerische Exzellenz bewahren und gleichzeitig neue gesellschaftliche Relevanz schaffen?
Die Bayerische Staatsoper blickt auf eine herausragende Vergangenheit zurück. Ich habe das Haus über viele Jahre mit großer Aufmerksamkeit beobachtet und war stets beeindruckt von der außergewöhnlichen Qualität – auf der Bühne wie im Graben. Als ich mein Amt antrat, fragte ich mich: Was kann ich, in der Nachfolge von Persönlichkeiten wie Wolfgang Sawallisch, Peter Jonas oder Nikolaus Bachler, einbringen? Wie können wir dieses Erbe nicht nur bewahren, sondern weiterdenken?Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, ein Denkmal zu verwalten oder Nostalgie zu pflegen. Es geht darum, eine „Nostalgie der Zukunft“ zu entwickeln – eine Vision, die die Vergangenheit würdigt, aber in die Zukunft weist.
Was bedeutet Relevanz für ein Opernhaus wie Ihres – und wie kann sie hergestellt werden?
Relevanz entsteht dort, wo die Themen auf der Bühne mit dem Leben der Menschen in Beziehung treten. Oper muss Fragen stellen, berühren, Irritation auslösen können – emotional, ästhetisch wie gesellschaftlich. Dafür braucht es Räume der Auseinandersetzung, sowohl physisch im Haus als auch gedanklich im Diskurs.
Ein Opernhaus darf sich nicht in bloßer Wiederholung erschöpfen. Es muss sich der Gegenwart stellen und die Vielfalt der Stadtgesellschaft widerspiegeln.
Es geht darum, Offenheit zu schaffen – nicht nur im Publikum, sondern auch in der institutionellen Haltung. Relevanz bedeutet somit nicht Anpassung, sondern Verantwortung.
Vor diesem Hintergrund – was sind die größten Herausforderungen für Opernhäuser in den kommenden Jahren?
Die größte Gefahr besteht darin, dass Opernhäuser zu Museen werden: Orte, an denen ausschließlich die Vergangenheit gepflegt wird. Historisch war Oper jedoch stets ein aktuelles Medium. Neue Werke prägten das Musiktheater – es war ein Ort der künstlerischen Gegenwart, der gesellschaftlichen Verhandlung und des lebendigen Austauschs.
Heute leben wir in einer digitalen Welt mit scheinbar grenzenloser Kommunikation – und doch sind viele Menschen isolierter denn je. Deshalb braucht es reale Orte des Dialogs, der Begegnung, der Erfahrung. Oper kann und sollte ein solcher Ort sein. Dabei müssen wir uns auch schwierigen Themen stellen, wie etwa in unserer Inszenierung von Die Passagierin, die sich mit Erinnerungskultur auseinandersetzt.
Zugleich müssen wir neue, jüngere und diversere Zielgruppen ansprechen – ohne das bestehende Publikum zu verlieren. Das ist keine einfache Aufgabe, aber eine essenzielle.
Wie verbinden Sie diesen Anspruch mit dem hohen künstlerischen Niveau der Bayerischen Staatsoper?
Es ist ein Missverständnis zu glauben, künstlerische Exzellenz und gesellschaftliche Offenheit stünden in einem Widerspruch. Im Gegenteil: Exzellenz überzeugt, gerade auch jene, die zum ersten Mal mit Oper in Berührung kommen. Und das Neue, das Fremde, fordert uns heraus – es verlangt, künstlerisch über uns hinauszuwachsen.
Wir arbeiten daran, das Haus über die Bühne hinaus für die Stadtgesellschaft zu öffnen. Im Vorderhaus des Nationaltheaters haben wir den sogenannten „Dritten Ort“ etabliert – einen Raum, der allen offensteht, unabhängig vom Besuch einer Vorstellung. Auch unsere Stufenbar ermöglicht einen unkomplizierten Zugang: Dort beginnt für viele der erste Kontakt mit dem Haus – ein Einstieg, der Neugier weckt und Barrieren abbauen hilft.
Wie gelingt Ihnen die Balance zwischen künstlerischem Risiko und betrieblicher Planbarkeit?
Die Geschichte der Oper umfasst zehntausende Werke – wir müssen pro Spielzeit aus einer immensen Vielfalt auswählen. Das bedeutet, Bekanntes mit Unbekanntem in Balance zu bringen, den Kanon zu hinterfragen und neue Perspektiven zu eröffnen.
Mich interessiert dabei besonders, wie selten gespielte oder neue Werke unseren Blick auf vermeintlich Vertrautes verändern. Matsukaze von Toshio Hosokawa war ein solches Beispiel: eine immersive Produktion, die auf besondere Weise Klang, Raum und Wahrnehmung verband. Das Publikum hat sich mit großer Offenheit darauf eingelassen – alle Vorstellungen waren ausverkauft.
Künstlerisches Risiko war übrigens immer Teil der Operngeschichte. Werke, die heute als Meisterwerke gelten, waren zu ihrer Zeit Neuland. Mozart setzte mit seinem in München uraufgeführten Idomeneo Maßstäbe. Ein Werk wie Tristan und Isolde, ebenfalls in München uraufgeführt, galt zunächst als unspielbar. Die großen Namen, auf die wir heute mit Stolz zurückblicken, begannen ihre Karrieren oft mit Wagnissen – und mit dem Vertrauen, das man ihnen entgegenbrachte. Richard Strauss wurde mit 30 Jahren Generalmusikdirektor, Georg Solti begann seine internationale Karriere hier, ebenso wie Kirill Petrenko. Diese Namen sind heute Ikonen – damals aber waren es mutige Entscheidungen. Oper ist immer dann stark, wenn sie ihrer Zeit voraus ist
Was bedeutet Führung für Sie – in einem Haus mit rund 900 Mitarbeitenden?
Führung heißt für mich, Bedingungen zu schaffen, in denen andere ihre Stärken entfalten können. Zuhören, zugänglich sein, präsent sein – das ist mir wichtig. Ich versuche, ein verlässlicher Gesprächspartner zu sein, und empfinde es als Privileg, den Arbeitsalltag mit so vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen zu teilen.
Ich glaube daran, dass man nur dann viel verlangen kann, wenn man selbst bereit ist, ebenso viel einzubringen. Das versuche ich jeden Tag zu leben – nicht aus Prinzip, sondern aus Respekt vor der Arbeit und dem Engagement der Menschen, die dieses Haus tragen.
Wenn man neue Wege geht oder Projekte anstößt, die aus dem Gewohnten herausführen, stößt das nicht nur in einem traditionsreichen Opernhaus auf Skepsis – das ist ein Phänomen, das sich überall zeigt, wo man eingespielte Routinen hinterfragt. Entscheidend ist, mit Überzeugung und Geduld zu arbeiten – und gemeinsam Erfolge möglich zu machen. Unser Projekt „Oper für alle“ in Ansbach war ein solches Beispiel: anfänglich umstritten, wurde es ein großer Erfolg – und ein Verdienst des gesamten Teams.
Wenn Sie einen Wunsch an die Kulturpolitik in Bayern äußern dürften – welcher wäre das?
Mein Wunsch ist, dass Kultur als fundamentale gesellschaftliche Notwendigkeit wahrgenommen wird – gleichrangig mit Bildung oder Gesundheit. Kultur ist kein Luxus. Sie ist essenziell, gerade in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Zusammenhalt zunehmend unter Druck gerät.
Wenn wir es nicht schaffen, lebendige Räume für Austausch und Erfahrung zu erhalten, riskieren wir eine anonyme Gesellschaft, in der Menschen zwar nebeneinander, aber nicht miteinander leben. Kultur kann verbinden. Das ist ihre Stärke – und unsere Verantwortung.
actori ist das größte deutsche Kulturberatungsunternehmen. Was würden Sie uns für die Zukunft mit auf den Weg geben?
Kultur braucht nicht nur Strategien, sondern auch Haltung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie weiterhin mit klarem Blick, künstlerischem Verständnis und der Bereitschaft zum Zuhören beraten – so, wie Sie es in den vergangenen zwanzig Jahren getan haben.
Und was wünschen Sie actori zum 20-jährigen Bestehen?
Ich gratuliere herzlich zu zwei Jahrzehnten kluger und erfolgreicher Arbeit im Dienst der Kultur. Ich wünsche Ihnen weiterhin Energie, Inspiration und Freude an Ihrer Aufgabe – und dass wir auch in den nächsten zwanzig Jahren gemeinsam an der kulturellen Zukunft Münchens mitwirken.
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