20 Jahre actori – ein Gespräch mit einer prägenden Stimme der Beratungswelt.
Anlässlich unseres Jubiläums hatten wir die besondere Freude, mit Prof. Dr. h.c. Roland Berger, dem Vorsitzenden des actori Beirats, über zentrale Zukunftsfragen zu sprechen.
Herr Berger, was hat Sie ursprünglich dazu bewegt, sich bei actori zu engagieren – und wie erinnern Sie sich an die Anfänge?
Ich habe mich immer wieder bei Gründungen von ehemaligen Kollegen, wie z. B. auch bei Payback von Alexander Rittweger, beteiligt, und ich fand ihr Konzept einer spezialisierten Beratungsfirma im Kultur-, Sport und Bildungsbereich überzeugend. Sie waren ja von Roland Berger Strategy Consultants zur Bayerischen Staatsoper gewechselt, und ich hatte sie in Erinnerung als einen guten Kollegen, der sein Handwerk beherrscht. Darüber hinaus mochte ich sie, und die menschliche Verbindung hat gepasst. Dass sie etwas von Kunst und Kultur sowie den betroffenen Institutionen verstehen, hatten sie schon in meiner Beratung gezeigt, und sie hatten wertvolle Management-Erfahrungen in der Bayerischen Staatsoper gesammelt. Bis heute habe ich diese Entscheidung nie bereut und freue mich, dass auch unsere persönliche Beziehung über die Zeit enger geworden ist.
Wir saßen oft zusammen und haben über die Strategie von actori diskutiert. Wie hat sich die Idee hinter actori aus Ihrer Sicht über die letzten 20 Jahre entwickelt?
actori hat sich in den 20 Jahren zur größten europäischen Strategieberatung im Kultur- und Bildungssektor entwickelt. Das ist natürlich sehr erfreulich. Und auch die Qualität bei den Kunden und Themen ist beeindruckend – actori bearbeitet Projekte für international herausragende Kulturmarken, wie z. B. die Semperoper, das Deutsche Museum, das Burgtheater, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder das Opernhaus Zürich. actori leistet inzwischen mit seinen spezialiserten Mitarbeitern einen wichtigen Beitrag zur Gestaltung und Zukunftsfähigkeit der deutschen Kulturlandschaft.
Aber auch die Beratungsthemen sind vielfältiger geworden. Ausgehend von Sponsoring-Strategien und Theaterorganisationen ist das actori Spektrum heute deutlich breiter. Zum Beispiel sind Nutzungskonzepte und Planungsunterstützungen bei Kulturimmobilien ein wichtiger Teil von actori geworden. Auch die Begleitung von Kulturstrategien für Regionen wie z. B. in Hessen oder Kärnten sind tolle Fortschritte. Und sie haben nicht den Trend zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz verschlafen. Ich sehe großes Potenzial für den actori Beratungsbereich Digitale Transformation.
Welche Rolle spielt der Bildungs- und Kultursektor im größeren Kontext gesellschaftlicher Transformation?
Ich hatte den früheren Ministerpräsidenten Edmund Stoiber beraten. Dabei ging es um den Schritt von der Industrie- zur Hochtechnologiegesellschaft in Bayern. Für die innovativesten Unternehmen benötigt man die klügsten Köpfe und Top-Talente. Um die zu bekommen, spielt die Attraktivität der Stadt natürlich eine entscheidende Rolle. Edmund Stoiber ist dem Fußball vermutlich näher als der Oper – auch wenn er oft hingegangen ist. Aber es ist mir gelungen, ihm den Satz, den er später häufig gebraucht hat, zu vermittlen: Kultur ist Standortfaktor Nummer eins. Kunst und Kultur haben neben ihrem intrinsischen Wert eben auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. München verfügt über drei internationale Spitzenorchester, eines der besten Opernhäuser der Welt, eine vielfältige Theaterlandschaft und herausragende Museen und Sammlungen. Das alles trägt maßgeblich dazu bei, dass Google, Microsoft, Apple, Amazon oder Facebook ihre Dependancen hier ansiedeln.
Sie haben viele Unternehmen und Institutionen als Berater begleitet – worin unterscheidet sich die Arbeit mit kulturellen Organisationen?
Die Beratung von Kulturinstitutionen und öffentlichen Einrichtungen ist natürlich etwas anderes als wenn man für Unternehmen arbeitet. Theater und Konzerthäuser müssen zwar auch ökonomische Aspekte berücksichtigen und sich beispielweise mit Auslastungszahlen beschäftigen. Aber im Vordergrund stehen die inhaltlichen Konzepte. Und welche Wirkung diese in der Gesellschaft entfalten, lässt sich nicht so leicht messen wie die Profitabilität eines Dax-Konzerns. Gerade bei der Ermittlung eines solchen kulturellen Impacts braucht es einen Spezialisten wie actori.
"actori hat die Strategieberatung von Kultur-und Bildungseinrichtungen in Deutschland maßgeblich geprägt."
Sie sind privat auch mäzenatisch aktiv und unterstützen eine Reihe von Kulturaktivitäten. Warum tun Sie das?
Im Gymnasium in Nürnberg kam ich zum ersten Mal in einer Kandinsky Ausstellung mit moderner Kunst in Berührung. Das war zunächst erschreckend, vorher hatte ich nur Alte Meister wie zum Beispiel den Hasen von Dürer oder die Madonna von Raffael gesehen. Mich faszinierte der neue Blick auf die Welt. Kunst spielt seitdem eine wichtige Rolle in meinem Leben. Ich habe viel über Kunst gelesen, Ausstellungen besucht und auch die Auseinandersetzung mit Künstlern gesucht. In New York verbrachte ich Zeit mit Sean Scully oder mit Andy Warhol, der auch ein Portrait von mir anfertigte. Georg Baselitz ist ein großartiger Maler, den ich seit langem kenne und dessen Werke ich schon sammle. Diese Leute haben mir klar gemacht, wie bereichernd Kunst sein kann, und wie unterschiedlich man die Welt sehen und darstellen kann. Den Zugang zur Musik fand ich in einer sehr musikalischen Familie bei der ich als Gymnasiast in Nürnberg wohnte. Dort spielten alle ein Instrument. Sie versäumten kein Konzert in Nürnberg und nahmen mich immer mit. Vor 40 Jahren lernten meine Frau und ich dann Claudia Abbado kennen. Erst diese Bekanntschaft hat mir den Zugang zu Musik voll erschlossen. Abbado hat mir gezeigt, wie er studiert, wie er die Partituren bearbeitet, bevor er mit seinem Orchester probt. Wir haben viele Orchesterproben bei den Berlinern und den Wienern miterlebt. Wir durften mit Abbado das Gustav Mahler Jugendorchester gründen. Durch die Freundschaft zu diesem außergewöhnlichen Dirigentgen haben meine Frau und ich eine noch viel tiefere Verbindung zur Musik bekommen.
Welche Rolle wird Künstliche Intelligenz und Digitalisierung für Kulturinstitutionen in Zukunft spielen?
Die meisten künstlerischen Leitungen stammen aus einer anderen technologischen Generation. Die Konzentration geht auf künstlerische Inhalte und die Bereicherung, welche die Besucher dadurch erfahren. In den Unternehmen verändert KI schon heute die Prozesse und die Kommunikation fundamental. Diese Entwicklungen werden auch Museen, Theater und Opernhäuser erreichen. Kunst muss kommuniziert werden, um erfolgreich Menschen zu erreichen. Insofern ist es wichtig und gut, dass actori sich in diesen Themen von Anfang an engagiert und ein spezialisiertes Team aufgebaut hat. Auch die actori Ausgründung future demand, einem Start-up, das mit Hilfe von KI Marketing Aktivitäten automatisiert und datenbasiert die passenden Zielgruppen mit den effektivsten Botschaften anspricht, trägt zum Kompetenzaufbau bei actori bei. Ich habe mich übrigens an future demand beteiligt, weil ich glaube, dass KI-getriebenes Audience Development in Zukunft eine große Rolle spielen wird und das auch in Branchen jenseits der Kultur.
Welchen Rat würden Sie dem actori-Team für die kommenden Jahrzehnte mit auf den Weg geben?
Ich finde es gut, die Diversifikation, wie zum Beispiel im Bildungssektor oder im Kulturimmobilienbereich, weiter auszubauen. Auch der Public- und Non-Profit-Sektor bieten sicher Potenziale für zukünftiges Wachstum. Ich sehe in diesem Kontext auch das Thema Politikberatung, was schon heute in den actori Projekten eine große Rolle spielt. Wie kommuniziert man komplexe Sachverhalte und Lösungen in den politischen Raum, so dass man zu guten Entscheidungen kommt? Hier kann actori einen wertvollen Beitrag in der Kulturpolitik leisten. Auch eine verstärkte Internationalisierung kann interessant sein. Beispielsweise bei Kulturbauten in Asien oder in den arabischen Ländern entsteht viel Beratungsbedarf.
actori feiert 2025 20-jähriges Jubiläum. Was wünschen Sie actori für die nächsten 20 Jahre?
Ich wünsche actori und Ihnen als erstes, dass sie das Image und und ihre Reputation so weiter entwickeln, wie ihnen das bisher gelungen ist. Dank dieser beiden Faktoren werden sie auch in Zukunft das Vertrauen der Kunden gewinnen und erhalten. Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen die weitere Expansion in angrenzende Sektoren gelingt, und dass sie die Internationalisierung vorantreiben. Leben sie weiterhin eine wertebasierte konsistente Unternehmenskultur. Der actori Spirit ist etwas ganz Besonderes, den sollten sie sich erhalten!
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